Es begann mit Rotbald

Anmerkungen zu 1200 Jahren Gau-Bischofsheimer Ortsgeschichte

Autor: Ferdinand Scherf

 

 

 

Rotbald, der erste „Biscofesheimer

 

Der endgültige Beweis liegt erst seit 1981 vor, er ist dem Historiker Franz Staab zu verdanken: der im Lorscher Schenkungsbuch erwähnte Ort „Biscofesheim“ ist unser Gau-Bischofsheim, und es war Rotbald, der 769 aus seinem Besitz am Ort zwei Häuser und einen Weingarten dem Kloster schenkte.

Der Ortsname verrät es: schon früh gab es Mainzer Hoheitsrechte in unserem Dorf. Kein Wunder, lag es doch unweit der von Mainz nach Worms führenden Gaustraße.

 

Ein guter Tausch für Konrad III.

 

Jede Ortsgeschichte hat ihren Bösewicht: neben Mainzern und den Pfalzgrafen hatten die Bolander und die Hohenfelser, Rittergeschlechter aus dem Donnersberggebiet, Vogteirechte in Gau-Bischofsheim erworben. Es war Philipp von Hohenfels, der willkürlich mit den Bauern, seinen Hörigen, umsprang und sich deshalb 1263 vor dem Erzstift verteidigen mußte. Er geriet in Acht und Bann und wurde exkommuniziert. Gewinner war das Domkapitel in Mainz, dessen Besitz an guten Weinbergen wohl aus dieser Zeit stammt.

Doch erst das Jahr 1424 brachte die endgültige Klärung über die Zugehörigkeit unseres Dorfes: Erzbischof Konrad III. tauschte mit dem Domkapitel. Er erhielt Gau-Bischofsheim und einige andere Orte und gab dafür die Hälfte der Stadt Bingen mit Burg Klopp ab. Bis 1792 blieb das Dorf Teil des Erzstiftes. Das silberne Rad im Ortswappen erinnert daran.

 

Immer im Mittelpunkt: Die Kirche im Dorf

St. Petrus

St. Petrus nach der Renovierung 1995Der Kunstfreund, der in der Pfarrkirche St. Petrus in Ketten den Klang der Geissel-Orgel genießt, befindet sich an einem historischen Ort. Verschiedene Vorgängerbauten standen an gleicher Stelle, ein erster ist 1184 erwähnt. Der Barockneubau von 1725, der dieser Kirche folgte, mußte 1863 aus baulichen Gründen niedergelegt werden. 1868 weihte Bischof Ketteler nach nur vierjähriger Bauzeit die heutige Kirche, deren zweite umfassende Renovierung 1995 abgeschlossen wurde. Mehr als 200 Jahre gehörte die Pfarrei zu Ebersheim; erst 1874 wurde sie nach langen und intensiven Bemühungen wieder selbständig.

Gau-Bischofsheim galt durch die Jahrhunderte als arme Gemeinde. In ihrer Kirche besitzt diese freilich Kostbarkeiten von hohem Rang. Zwei seien genannt: die „alte Orgel“ von Johann Peter Geissel, und eine fast lebensgroße Gottesmutter, nach Forschungen von Wilhelm Jung ein Werk der Mainzer Dombauhütte aus der Zeit um 1320.

 

 

Über Bauern, Winzer und Pendler

 

Ende des 19. Jhds. fuhr der erste Zug in den Gau-Bischofsheimer Bahnhof ein. Für die 400 Einwohner begann die Zeit großer Veränderungen. Jahrhundertelang hatten sie fast ausschließlich von Weinbau und Landwirtschaft gelebt; dabei schnitten sich Mitglieder des Domkapitels und angesehene Mainzer Bürger wie die Oberbürgermeister Nack und Oechsner, „Forensen“ genannt, mit ihren heute noch erkennbaren großen Gütern einen guten Teil aus dem Kuchen. Die Bauern lebten oft in kleinen Häusern in der  Nähe der Höfe.                                              

 

Mit der Bahn kamen neue Arbeitsplätze, u.a. in den rechts- und linksrheinisch gelegenen Industriebetrieben. Die Bevölkerung wuchs, und der Ortskern erweiterte  sich in die „Neustadt“ nach Osten.

Im Ebersheimer Pfarrbuch findet man die wichtigsten Ereignisse der Dorfgeschichte: Unwetter und Brände verunsicherten die Menschen auch vor und nach der Jahrhundertwende. Schon 1881 gründete sich die Feuerwehr; sie wird den Bau der Wasserleitung 1905 besonders begrüßt haben.

 

In den 60er Jahren des 20. Jhds.  begann mit der Erschließung von Baugelände in Richtung Lörzweiler die bis dahin größte Umstrukturierung in der Geschichte des Dorfes. Hunderte von Bürgern zogen zu, die ihre Arbeitsstätte in Mainz, im Umland und im Frankfurter Raum gefunden haben. Für die inzwischen mehr als 2200 Bürgerinnen und Bürger wurden Kindergarten, Schule, Sporthalle, Sportplatz und Gemeindezentrum geschaffen.

Doch die Eisenbahn, mit der alles begann, wurde 1992 endgültig stillgelegt. Jogger und Radfahrer benutzen heute die Trasse.

 

Eine unendliche Geschichte: Gau-Bischofsheim und Mainz

 

Zeitzeugen erinnern sich: als alliierte Bomber am 27. Februar 1945 Mainz zerstörten, zitterte und bebte die Erde in Gau-Bischofsheim. Die Feuerwehr rückte nach Mainz Gau-Bischofsheimaus, und 150 Obdachlose fanden im Dorf Schutz. Hungernde fragten nach Lebensmitteln.

Seit mehr als 1200 Jahren hängt das Leben der Dorfbewohner eng zusammen mit dem der benachbarten großen Stadt. Der Ortsname belegt es, Domherren und begüterte Bürger bevorzugten die gute Luft und den „vollen, reintönigen, rassigen und guten“ Wein. „Bischemer“ boten ihre Waren auf dem Mainzer Markt an und leisteten Fronarbeit beim Landesherren. Hunderte von Bürgern arbeiten heute in der Stadt, Kinder besuchen dort die Schulen, Familien kaufen ein.

 

Es gibt viele gute Gründe, das rheinhessische Dorf zu besuchen oder gar dort zu leben: die umgebenden Weinberge und Felder zeigen dem Menschen den Rhythmus der Natur und beziehen ihn darin ein.

Und dies nur wenige Kilometer von der Großstadt entfernt.

 

Weiter Informationen erhalten Sie auf der Homepage von Gau-Bischofsheim.