Die Johann Peter Geissel-Orgel

Geschichte und Disposition des Gau-Bischofsheimer Kleinods

Autor:  Klaus Minden

              

 

 

Daß Kunstfreunde den Weg nach Gau-Bischofsheim finden, hängt auch damit zusammen, daß vor über zwei Jahrhunderten eine ausgediente Orgel von der Pfarrei St. Christoph hierher verkauft wurde und in der Pfarrkirche überlebte. Dort in Mainz wäre sie am 27. Februar 1945 vernichtet worden. Den Forschungen des Mainzer Orgelgelehrten Dr. Franz Bösken verdanken wir eine gesicherte Dokumentation über den Werdegang dieser ältesten Orgel in Rheinland-Pfalz. Demnach hat der 1636 in Worms geborene Johann Peter Geissel, Sohn des Orgelmachers Georg Geissel aus Gernsheim die Orgel für die Kirche St. Christoph in Mainz (sie war die Taufkirche Gutenbergs, die Ruine wurde als Mahnmal erhalten) im Jahre 1667 erbaut. Das hohe schlanke Gehäuse hat sicher sehr harmonisch mit der gotischen Architektur korrespondiert. Der Vertrag vom 9. Juli 1667 ist noch erhalten und enthält die ursprüngliche Registerdisposition. Es war ein einmanualiges Werk von 9 klingenden Registern, ohne Pedal:

 

 

       

        Coppel 8'

        Oktav 4'

        Hohlpfeif 8' gedackt

        Superoktav 2'

        Mixtur 1' dreifach

        Quintflöt 2½'

        Hohlflötgen 4'

        Nasard (Sesquialter) 1½'

        Trompete 8'

 

Das  Werk  kostete damals 450 Florentiner Gulden. Schon J.P. Geissel, der von 1668 bis etwa 1688 Organist an St. Christoph war, nahm im Jahr 1688 erste Veränderungen am Instrument vor. Diese Orgel wurde im Jahre 1772 durch einen Neubau des Frankfurter Orgelbauers Ernst Wegmann ersetzt. Die Geissel-Orgel wurde nach Gau-Bischofsheim verkauft, wie F. Bösken durch ein Rechnungsduplikat aus dem Diözesan- und Domarchiv Mainz nachwies:

 

„Den 3. Merz 1773 hat die Gemeinde Gaubissheim die alte Orgel kaufft um 150 fl. 1. Januar 1775 abschl. 50 fl. bezahlt, den 5.4.1776 abermahlen an dem Capitall 50 fl. Item Pension von dem 3.3.1774 – 76: 1o fl. 30 xr.“

 

1847 erfuhr die Orgel Veränderungen im Sinne eines weicheren, romantischeren Klangbildes, so daß für das helle Nasardregister ein weicher Salicional 8' und für die herausstechende Trompete eine zartere Flöte 8' eingesetzt wurde. Diese Arbeiten führte der Orgelbauer Jakob Köhler aus. Ein selbständiges Pedal für einen Bass, der hinter dem Werk auf einer besonderen Lade stand, wurde 1870 durch Philip Embach, Mainz,  hinzugefügt:

 

        ein Subbaß 16'

 

Im Kriegsjahr 1917 wurden zur Kriegsrüstung die Prospektpfeifen beschlagnahmt. Nach dem Krieg wurden die Pfeifen der Mixtur 1' ausgehoben und durch eine neue 3-fach Mixtur 2' ersetzt.

 

Geissel-OrgelDer heutige Bauzustand der Orgel ist das Ergebnis einer Restauration durch die Orgelbaufirma Gebr. Oberlinger, Windesheim, im Jahre 1972. Nach dem Stand damaliger Forschung und Restaurationspraxis wurde die Orgel in ihrer Registrierung wieder auf das Klangbild der Geissel-Orgel von 1667 zurückgeführt.

Das Pedalwerk wurde jedoch beibehalten und um zwei weitere Pedalregister ergänzt:

 

        Oktavbass 8'

        Flötbass 4'

 

Der Tonumfang reicht im Manual über 4 Oktaven von C - c''' und im Pedal über 2 Oktaven von C - d'. Die Stimmtonhöhe wurde bei 18 °C auf 440 Hz vorgenommen. So genügt die Orgel heute einer Interpretation stilistisch vielfältiger Orgelliteratur und einer lebendigen Gottesdienstgestaltung.

 

Von der alten Orgel des J.P. Geissel sind also noch fünf Manualregister und wesentliche Teile des  Gehäuses erhalten. Grund genug, dieses voll spielbare Werk als die älteste Orgel in Rheinland-Pfalz und im Bistum Mainz bezeichnen zu dürfen.

 

Seit 1988 wird dieses Instrument über den gottesdienstlichen Rahmen hinaus den Freunden der Orgelmusik regelmäßig in Konzerten mit namhaften nationalen und internationalen Künstlern präsentiert. Seit 1993 organisiert der Verein der Freunde und Förderer der Geissel-Orgel diese „Gau-Bischofsheimer Orgelkonzerte“ und bemüht sich ein ganz besonderes Kulturgut des Landes und ein Kleinod der kleinen rheinhessischen Weinbaugemeinde wenige Kilometer südlich von Mainz zu erhalten und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.